lundi 13 août 2012
Besuch beim Paten
Von Andrea Bachstein, Rom
Der einstige Superboss der Mafia, Bernardo Provenzano, soll auspacken. Italienische Politiker haben ihn im Gefängnis besucht um ihn zu einer Lebensbeichte zu bewegen. Politiker in Silvio Berlusconis Partei PDL regen sich darüber auf. Wohl aus Angst vor dem, was er zu erzählen hätte.
Der einstige Superboss der Mafia hat Besuch bekommen. Das passiert Bernardo Provenzano nicht oft. Seit er 2006 nach 43 Jahren auf der Flucht in einer Bauernkate auf Sizilien gefasst wurde, sitzt der heute 79-Jährige im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Parma. Da wird er wohl auch sein Leben beschließen, in einem Haftregime, das seine Kontakte aufs äußerste beschränkt.
Ob Provenzano sich über den Besuch gefreut hat, ist nicht bekannt. Klar ist aber, dass in Italien ein paar Leute ziemlich erbost sind über die Visite, die die Europaabgeordnete Sonia Alfano von der sozialdemokratischen Partei und Senator Giuseppe Lumia dem Schwerverbrecher und zwei anderen Häftlingen aus höchsten Mafiakreisen abgestattet haben.
Dabei sind sie ehrenwerte Politiker. Lucia Alfano ist im Straßburger Parlament Präsidentin des Ausschusses gegen organisierte Kriminalität, ihren Vater, einen Journalisten, hat die Mafia ermordet. Und Senator Lumia war Vorsitzender des Anti-Mafia-Ausschusses im italienischen Parlament.
In Italien ist es durchaus üblich, dass im Sommer Abgeordnete Gefängnisse besuchen, um die Haftbedingungen zu prüfen. Aber darauf haben sich Alfano und Lumia nicht beschränkt, wie nun der Corriere della Sera berichtet. Sie haben versucht, auf Provenzano und andere einzuwirken, endlich mit der Justiz zusammenzuarbeiten.
Das hätten sie nicht tun dürfen, regen sich Politiker in Silvio Berlusconis Partei PDL auf, denn das sei Aufgabe von Staatsanwälten. Ein bisschen erstaunt das, denn die PDL ist nicht bekannt dafür, Freund dieser Berufsgruppe zu sein. Es liegt wohl mehr an dem, was Provenzano und Co. auspacken sollten.
Finsterste Kapitel der italienischen Nachkriegsgeschichte
Es geht um eines der finstersten Kapitel der italienischen Nachkriegsgeschichte, das jetzt wieder aktuell wird: In einem neuen Prozess sollen die Anschläge auf Politiker und Richter in den achtziger und frühen neunziger Jahren aufgeklärt werden, mit denen die Cosa Nostra versucht hatte, den Staat zu erpressen. Die berühmtesten Opfer sind die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die 1992 bei Sprengstoffattentaten in Sizilien getötet wurden.
Provenzano und andere Mafiosi sind deswegen längst im Knast. Nicht aufgeklärt ist der Verdacht, dass die Mafia Komplizen in Justiz, Polizei und Politik hatte. Zwischen 1992 und 1994 soll es gar Verhandlungen zwischen der Mafia und dem Staat gegeben haben, etwa um die Haftbedingungen für Mafiosi zu erleichtern. Tatsächlich wurden die Bedingungen gelockert und die Anschläge hörten auf.
Dazu kommt die Frage, welche Geschäfte Politiker mit der Mafia gemacht haben. Allen voran steht da Silvio Berlusconis Partei im Verdacht. Seine Tochter Marina wurde kürzlich in Palermo vernommen, und auch den Vater wollen die Ermittler dort noch sprechen.
Einstige Mitarbeiter von Falcone und Borsellino haben den Komplex neu ermittelt und glauben, genug Material zu haben. Einen Prozess müssten einige in der Politik wohl sehr fürchten. Provenzano allerdings, der den Krieg der Mafia gegen den Staat einst beendet hatte, hat seinen Besuchern offenbar nichts Erhellendes mitgeteilt. Er fürchte um seine Kinder, soll er gesagt haben und leide zudem an Gedächtnisproblemen.
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